MathematikKlasse 10–12

Umkehrfunktionen: Spiegeln an y = x

Den Graphen an y = x spiegeln, und die Umkehrfunktion ist da. Das klappt nur, wenn kein Funktionswert zweimal vorkommt.

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Worum geht es?

Eine Funktion ff ordnet jedem xx genau ein y=f(x)y = f(x) zu. Die Umkehrfunktion f−1f^{-1} geht den Weg rückwärts: Sie ordnet jedem Funktionswert wieder sein xx zu. Aus f(3)=5f(3) = 5 wird f−1(5)=3f^{-1}(5) = 3.

Wann geht das? Nur wenn jeder Funktionswert genau einmal vorkommt. Im Bild heißt das: Jede waagrechte Gerade schneidet den Graphen höchstens einmal. Sicher ist das der Fall, wenn ff streng monoton ist. Bei f(x)=x2f(x) = x^2 auf ganz R\mathbb{R} geht es nicht, denn f(−2)=f(2)=4f(-2) = f(2) = 4. Schränkt man die Definitionsmenge auf einen streng monotonen Teil ein, klappt es: Für x≥0x \geq 0 ist f−1(x)=xf^{-1}(x) = \sqrt{x}, für x≤0x \leq 0 ist f−1(x)=−xf^{-1}(x) = -\sqrt{x}. Monotonie ist hinreichend, aber nicht notwendig: f(x)=1xf(x) = \frac{1}{x} ist auf R∖{0}\mathbb{R}\setminus\{0\} nicht monoton und trotzdem umkehrbar – sie ist sogar zu sich selbst invers.

Rechnerisch bestimmt man f−1f^{-1} in zwei Schritten:

  1. y=f(x)y = f(x) nach xx auflösen,
  2. xx und yy tauschen.

Beispiel: y=2x−1  ⇒  x=y+12  ⇒  f−1(x)=x+12y = 2x - 1 \;\Rightarrow\; x = \frac{y + 1}{2} \;\Rightarrow\; f^{-1}(x) = \frac{x + 1}{2}.

Grafisch ist das Tauschen von xx und yy die Spiegelung an der Winkelhalbierenden y=xy = x: Aus P(a∣b)P(a \mid b) wird P′(b∣a)P'(b \mid a). Die Strecke PP′PP' steht senkrecht auf y=xy = x, ihr Mittelpunkt M(a+b2 | a+b2)M\left(\frac{a+b}{2} \,\middle|\, \frac{a+b}{2}\right) liegt auf y=xy = x. Dabei tauschen auch Definitions- und Wertemenge die Rollen: Df−1=WfD_{f^{-1}} = W_f und Wf−1=DfW_{f^{-1}} = D_f. So entsteht der natürliche Logarithmus: f(x)=exf(x) = e^x hat Df=RD_f = \mathbb{R} und Wf=R+W_f = \mathbb{R}^+, also ist ln⁡x\ln x nur für x>0x > 0 definiert und nimmt alle reellen Werte an.

Ableitung der Umkehrfunktion. Spiegelt man die Tangente in PP mit, tauschen die Katheten des Steigungsdreiecks: Aus ΔyΔx=m\frac{\Delta y}{\Delta x} = m wird ΔxΔy=1m\frac{\Delta x}{\Delta y} = \frac{1}{m}. Also gilt für b=f(a)b = f(a) und f′(a)≠0f'(a) \neq 0:

(f−1)′(b)=1f′(a).\left(f^{-1}\right)'(b) = \frac{1}{f'(a)} .

Für f(x)=exf(x) = e^x folgt daraus (ln⁡x)′=1eln⁡x=1x(\ln x)' = \frac{1}{e^{\ln x}} = \frac{1}{x}. Ist f′(a)=0f'(a) = 0 (waagrechte Tangente), hat f−1f^{-1} in (b∣a)(b \mid a) eine senkrechte Tangente und ist dort nicht differenzierbar – zum Beispiel f(x)=0,5x3f(x) = 0{,}5x^3 an der Stelle 00.

Ausprobieren

  1. Wurzelfunktion: Ziehe PP auf dem Graphen – oder gleich P′P'. Was haben PP, P′P' und der Punkt MM mit der Geraden y=xy = x zu tun?
  2. Drücke „An y = x spiegeln“: Der Graph klappt wie eine Folie um die Gerade y=xy = x. Die gestrichelten Spuren zeigen, dass jeder Punkt senkrecht zu y=xy = x wandert. Beobachte auch die farbigen Intervalle an den Achsen und die Spalten der Wertetabelle.
  3. Gerade: Drücke „Rechenweg Schritt für Schritt“. Beim Schritt „x und y tauschen“ klappt der Graph um.
  4. x² auf ganz ℝ: Lass die waagrechte Gerade wandern. Wie viele Schnittpunkte gibt es höchstens? Warum ist das Spiegelbild kein Funktionsgraph? Wechsle dann zu „steigender Ast“ und „fallender Ast“.
  5. 0,5x³: Die Tangente in (0∣0)(0 \mid 0) ist waagrecht. Ist ff trotzdem streng monoton?
  6. eˣ und ln x: Vergleiche die Steigungsdreiecke in PP und P′P'. Lass PP wandern: Wie hängen mm und m′m' zusammen? Was wird aus einer waagrechten Tangente?
  7. 1/x: Warum fallen die Graphen von ff und f−1f^{-1} zusammen?
  8. Ausblick: Sinus eingeschränkt. Auf [−π2;π2]\left[-\frac{\pi}{2}; \frac{\pi}{2}\right] ist sin⁡\sin streng monoton steigend, die Umkehrfunktion heißt arcsin⁡\arcsin.

Aufgaben

Aufgabe 1: Eine lineare Funktion umkehren

Bestimme die Umkehrfunktion von f(x)=2x−1f(x) = 2x - 1 und berechne f−1(5)f^{-1}(5). Aufgabe laden

Lösung anzeigen

y=2x−1⇒y+1=2x⇒x=y+12y = 2x - 1 \Rightarrow y + 1 = 2x \Rightarrow x = \frac{y + 1}{2}, also f−1(x)=x+12f^{-1}(x) = \frac{x + 1}{2}. Dann ist f−1(5)=62=3f^{-1}(5) = \frac{6}{2} = 3; Probe: f(3)=6−1=5f(3) = 6 - 1 = 5. Die Steigungen sind 22 und 12=0,5\frac{1}{2} = 0{,}5. Lösung zeigen

Aufgabe 2: Kubische Funktion

Bestimme die Umkehrfunktion von f(x)=0,5x3f(x) = 0{,}5x^3 und prüfe sie am Punkt P(2∣f(2))P(2 \mid f(2)). Aufgabe laden

Lösung anzeigen

y=0,5x3⇒x3=2y⇒x=2y3y = 0{,}5x^3 \Rightarrow x^3 = 2y \Rightarrow x = \sqrt[3]{2y}, also f−1(x)=2x3f^{-1}(x) = \sqrt[3]{2x} mit Df−1=RD_{f^{-1}} = \mathbb{R}. Probe: f(2)=0,5⋅8=4f(2) = 0{,}5 \cdot 8 = 4 und f−1(4)=83=2f^{-1}(4) = \sqrt[3]{8} = 2; der Spiegelpunkt ist P′(4∣2)P'(4 \mid 2). Lösung zeigen

Aufgabe 3: Umkehrbar machen

Begründe, dass f(x)=x2f(x) = x^2 auf R\mathbb{R} nicht umkehrbar ist. Gib zwei Einschränkungen der Definitionsmenge an, auf denen ff umkehrbar ist, und jeweils f−1f^{-1} mit Definitions- und Wertemenge. Aufgabe laden

Lösung anzeigen

f(−2)=f(2)=4f(-2) = f(2) = 4: Die Gerade y=4y = 4 schneidet den Graphen zweimal. Für x≥0x \geq 0 ist ff streng monoton steigend, f−1(x)=xf^{-1}(x) = \sqrt{x} mit Df−1=R0+D_{f^{-1}} = \mathbb{R}_0^+ und Wf−1=R0+W_{f^{-1}} = \mathbb{R}_0^+. Für x≤0x \leq 0 ist ff streng monoton fallend, f−1(x)=−xf^{-1}(x) = -\sqrt{x} mit Df−1=R0+D_{f^{-1}} = \mathbb{R}_0^+ und Wf−1=R0−W_{f^{-1}} = \mathbb{R}_0^-. Erste Möglichkeit, zweite Möglichkeit

Aufgabe 4: e-Funktion und Logarithmus

Gib für f(x)=exf(x) = e^x und f−1(x)=ln⁡xf^{-1}(x) = \ln x jeweils Definitions- und Wertemenge an. Welcher Punkt des Graphen von ln⁡\ln gehört zu P(1∣e)P(1 \mid e)? Aufgabe laden

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Df=RD_f = \mathbb{R}, Wf=R+W_f = \mathbb{R}^+, also Df−1=R+D_{f^{-1}} = \mathbb{R}^+ und Wf−1=RW_{f^{-1}} = \mathbb{R}. Zu P(1∣e)P(1 \mid e) gehört P′(e∣1)P'(e \mid 1), denn ln⁡e=1\ln e = 1. Lösung zeigen

Aufgabe 5: Ableitung der Wurzelfunktion

f(x)=x2f(x) = x^2 mit x≥0x \geq 0, P(1,5∣2,25)P(1{,}5 \mid 2{,}25). Berechne f′(1,5)f'(1{,}5) und daraus die Steigung von f−1(x)=xf^{-1}(x) = \sqrt{x} an der Stelle 2,252{,}25. Prüfe mit (x)′=12x(\sqrt{x})' = \frac{1}{2\sqrt{x}}. Aufgabe laden

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f′(x)=2xf'(x) = 2x, also f′(1,5)=3f'(1{,}5) = 3. Damit ist (f−1)′(2,25)=13≈0,333\left(f^{-1}\right)'(2{,}25) = \frac{1}{3} \approx 0{,}333. Probe: 122,25=12⋅1,5=13\frac{1}{2\sqrt{2{,}25}} = \frac{1}{2 \cdot 1{,}5} = \frac{1}{3}. Im Steigungsdreieck werden aus Δx\Delta x und Δy\Delta y beim Spiegeln Δy\Delta y und Δx\Delta x. Lösung zeigen

Aufgabe 6: Senkrechte Tangente

Begründe ohne Rechnung, dass f−1(x)=2x3f^{-1}(x) = \sqrt[3]{2x} im Ursprung nicht differenzierbar ist, obwohl f(x)=0,5x3f(x) = 0{,}5x^3 dort differenzierbar ist. Berechne außerdem (f−1)′(4)\left(f^{-1}\right)'(4). Aufgabe laden

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f′(0)=1,5⋅02=0f'(0) = 1{,}5 \cdot 0^2 = 0: Die Tangente an ff in (0∣0)(0 \mid 0) ist waagrecht, gespiegelt wird sie senkrecht – 10\frac{1}{0} gibt es nicht. Für b=4b = 4 ist a=2a = 2 und f′(2)=1,5⋅4=6f'(2) = 1{,}5 \cdot 4 = 6, also (f−1)′(4)=16≈0,167\left(f^{-1}\right)'(4) = \frac{1}{6} \approx 0{,}167. Senkrechte Tangente zeigen · Stelle 4 zeigen

Ideen für den Unterricht

  • Einsatz: Oberstufe: Wurzelfunktion (Umkehrbarkeit über strenge Monotonie) und natürliche Logarithmusfunktion samt Ableitung. Der Sinus mit arcsin⁡\arcsin ist als Ausblick gedacht.
  • Ablauf: Die drei Ansichten lassen sich als Abfolge nutzen: erst „Umkehrbar?“ (waagrechte Gerade), dann „Spiegeln an y = x“ (Rechenweg und Umklappen), zuletzt „Ableitung von f⁻¹“ als Weg zu (ln⁡x)′=1x(\ln x)' = \frac{1}{x}.
  • Handlungsorientiert: Einen Graphen auf Folie zeichnen und die Folie entlang y=xy = x umdrehen – danach mit der Animation vergleichen. Mit „Lösungen zeigen“ aus (show=0) und ohne Graph von f−1f^{-1} (inv=0) eignen sich die Bilder als Übungsaufgaben.
  • Häufige Stolpersteine:
    • f−1(x)f^{-1}(x) wird mit 1f(x)\frac{1}{f(x)} verwechselt – das Hochzeichen −1-1 bedeutet hier „Umkehrung“, nicht „Kehrwert“.
    • Nach dem Auflösen wird das Tauschen von xx und yy vergessen.
    • Die Einschränkung der Definitionsmenge (z. B. x≥0x \geq 0) wird nicht mitgedacht, und dann fehlt das Vorzeichen bei −x-\sqrt{x}.
    • „Streng monoton“ wird mit „f′>0f' > 0“ gleichgesetzt: 0,5x30{,}5x^3 ist streng monoton steigend, obwohl f′(0)=0f'(0) = 0 ist.
    • Bei (f−1)′(b)=1f′(a)\left(f^{-1}\right)'(b) = \frac{1}{f'(a)} wird f′f' an der falschen Stelle (bb statt aa) eingesetzt.