MathematikKlasse 10–11

Ganzrationale Funktionen: Nullstellen, Vielfachheit und Randverhalten

Schneidet der Graph die x-Achse oder berührt er sie nur? Die Vielfachheit der Nullstelle entscheidet, der höchste Exponent das Verhalten weit draußen.

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Worum geht es?

Eine ganzrationale Funktion (Polynomfunktion), die in Linearfaktoren zerfällt, lässt sich so schreiben:

f(x)=a⋅(x−x1)m1⋅(x−x2)m2⋅(x−x3)m3f(x) = a \cdot (x - x_1)^{m_1} \cdot (x - x_2)^{m_2} \cdot (x - x_3)^{m_3}

Dabei sind x1,x2,x3x_1, x_2, x_3 die Nullstellen, m1,m2,m3m_1, m_2, m_3 ihre Vielfachheiten und a≠0a \neq 0 der Leitkoeffizient. Der Grad ist n=m1+m2+m3n = m_1 + m_2 + m_3. Fallen zwei Nullstellen zusammen, addieren sich ihre Vielfachheiten: (x−1)⋅(x−1)2=(x−1)3(x - 1) \cdot (x - 1)^2 = (x - 1)^3. Multipliziert man aus, entsteht die Normalform, zum Beispiel

0,5⋅(x+2)(x−0,5)(x−3)=0,5x3−0,75x2−2,75x+1,5.0{,}5 \cdot (x + 2)(x - 0{,}5)(x - 3) = 0{,}5x^3 - 0{,}75x^2 - 2{,}75x + 1{,}5 .

Der y-Achsenabschnitt ist das Absolutglied: f(0)=0,5⋅2⋅(−0,5)⋅(−3)=1,5f(0) = 0{,}5 \cdot 2 \cdot (-0{,}5) \cdot (-3) = 1{,}5.

Vielfachheit mm Graph an der Nullstelle Vorzeichenwechsel? nahe x0x_0 wie …
1 (einfach) schneidet die xx-Achse ja eine Gerade
2 (doppelt) berührt die xx-Achse nein eine Parabel
3 (dreifach) schmiegt sich an und schneidet (Terrassenpunkt) ja eine kubische Parabel
4 (vierfach) berührt, sehr flach nein x4x^4

Der Grund steht in der letzten Spalte: Nahe einer Nullstelle x0x_0 ändern sich die übrigen Faktoren kaum. Dort gilt f(x)≈c⋅(x−x0)mf(x) \approx c \cdot (x - x_0)^m, wobei cc das Produkt aus aa und den übrigen Faktoren an der Stelle x0x_0 ist. Für f(x)=0,2⋅(x+3)⋅x2⋅(x−3)f(x) = 0{,}2 \cdot (x + 3) \cdot x^2 \cdot (x - 3) ist nahe 00 also c=0,2⋅3⋅(−3)=−1,8c = 0{,}2 \cdot 3 \cdot (-3) = -1{,}8 und f(x)≈−1,8x2f(x) \approx -1{,}8x^2: eine nach unten geöffnete Parabel.

In der Vorzeichentabelle bekommt jeder Faktor eine Zeile: (x−x0)m(x - x_0)^m ist rechts von x0x_0 positiv, links davon (−1)m(-1)^m, also bei ungeradem mm negativ. Das Vorzeichen von ff ist das Produkt der Spalte (mit dem Vorzeichen von aa).

Randverhalten: Klammert man xnx^n aus, gilt f(x)a⋅xn=(1−x1x)m1⋯→1\frac{f(x)}{a \cdot x^n} = \left(1 - \frac{x_1}{x}\right)^{m_1} \cdots \to 1 für ∣x∣→∞|x| \to \infty. Für große ∣x∣|x| zählt also nur der Summand axna x^n. Im Beispiel oben ist bei x=100x = 100 schon f(100)0,5⋅1003=1,02⋅0,995⋅0,97≈0,984\frac{f(100)}{0{,}5 \cdot 100^3} = 1{,}02 \cdot 0{,}995 \cdot 0{,}97 \approx 0{,}984. Für x→+∞x \to +\infty hat f(x)f(x) das Vorzeichen von aa; bei geradem nn verhalten sich beide Enden gleich, bei ungeradem nn gegensätzlich.

Ausprobieren

  1. Drei einfache Nullstellen: Ziehe die Perlen auf der xx-Achse. Tippe eine Perle an – jeder Ring steht für eine Vielfachheit mehr. Wie ändern sich Graph, Term und Vorzeichentabelle?
  2. Vergleiche eine doppelte, eine dreifache und eine vierfache Nullstelle. Wann wechselt das Vorzeichen?
  3. Schiebe zwei Perlen aufeinander, bis sie verschmelzen. Was passiert mit den Ringen und mit dem Term? Alle drei fallen zusammen: Welche Funktion entsteht?
  4. Ziehe den Griff für aa auf dem Graphen nach oben und nach unten, auch unter die xx-Achse. Welche Pfeile des Randverhaltens drehen sich um? a negativ
  5. Lupe einschalten: Zeige mit der Maus nacheinander auf die Perlen (auf dem Tablet: eine Perle kurz verschieben). Wie sieht der Graph in der Lupe jeweils aus? Vergleiche mit den gestrichelten Näherungen.
  6. Drücke „Blick aus der Ferne“. Die Ansicht zoomt 20-fach heraus. Warum sind ff und die gestrichelte Kurve axna x^n kaum noch zu unterscheiden?
  7. Grad 9 und Grad 12: Lies an der Vorzeichentabelle ab, wo ff negativ ist.

Aufgaben

Aufgabe 1: Eigenschaften ablesen

Gegeben ist f(x)=−0,4⋅(x+3)(x+0,5)(x−2,5)f(x) = -0{,}4 \cdot (x + 3)(x + 0{,}5)(x - 2{,}5). Gib Grad, Nullstellen, Randverhalten und f(0)f(0) an. Aufgabe laden

Lösung anzeigen

Grad 3, einfache Nullstellen −3-3, −0,5-0{,}5 und 2,52{,}5 (jeweils mit Vorzeichenwechsel). Wegen a<0a < 0 und ungeradem Grad: x→−∞x \to -\infty: f(x)→+∞f(x) \to +\infty; x→+∞x \to +\infty: f(x)→−∞f(x) \to -\infty. f(0)=−0,4⋅3⋅0,5⋅(−2,5)=1,5f(0) = -0{,}4 \cdot 3 \cdot 0{,}5 \cdot (-2{,}5) = 1{,}5. Lösung zeigen

Aufgabe 2: Welcher Term passt?

Ein Graph dritten Grades berührt die xx-Achse bei x=−2x = -2, schneidet sie bei x=2x = 2 und geht durch den Punkt (1∣−4,5)(1 \mid -4{,}5). Bestimme den Term in Linearfaktorform und in Normalform. Aufgabe laden

Lösung anzeigen

Berührpunkt: doppelte Nullstelle, Schnittpunkt: einfache Nullstelle, also f(x)=a⋅(x+2)2(x−2)f(x) = a \cdot (x + 2)^2 (x - 2). Punktprobe: f(1)=a⋅9⋅(−1)=−4,5f(1) = a \cdot 9 \cdot (-1) = -4{,}5, also a=0,5a = 0{,}5. Ausmultipliziert: (x+2)2(x−2)=(x2+4x+4)(x−2)=x3+2x2−4x−8(x + 2)^2 (x - 2) = (x^2 + 4x + 4)(x - 2) = x^3 + 2x^2 - 4x - 8, also f(x)=0,5x3+x2−2x−4f(x) = 0{,}5x^3 + x^2 - 2x - 4. Lösung zeigen

Aufgabe 3: Ausmultiplizieren

Multipliziere f(x)=0,3⋅(x−1)3(x+3)f(x) = 0{,}3 \cdot (x - 1)^3 (x + 3) aus. Prüfe mit „Ausmultiplizieren Schritt für Schritt“.

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(x−1)3=x3−3x2+3x−1(x - 1)^3 = x^3 - 3x^2 + 3x - 1; mal (x+3)(x + 3): x4−6x2+8x−3x^4 - 6x^2 + 8x - 3; mal 0,30{,}3: f(x)=0,3x4−1,8x2+2,4x−0,9f(x) = 0{,}3x^4 - 1{,}8x^2 + 2{,}4x - 0{,}9. Zeigen

Aufgabe 4: Vorzeichentabelle

Erstelle für f(x)=0,2⋅(x+3)⋅x2⋅(x−3)f(x) = 0{,}2 \cdot (x + 3) \cdot x^2 \cdot (x - 3) eine Vorzeichentabelle mit einer Zeile pro Faktor. Wo ist f(x)<0f(x) < 0? Berechne f(1)f(1) und gib das Randverhalten an. Aufgabe laden

Lösung anzeigen
x<−3x < -3 −3<x<0-3 < x < 0 0<x<30 < x < 3 x>3x > 3
x+3x + 3 −- ++ ++ ++
x2x^2 ++ ++ ++ ++
x−3x - 3 −- −- −- ++
f(x)f(x) ++ −- −- ++

Also f(x)<0f(x) < 0 für −3<x<0-3 < x < 0 und für 0<x<30 < x < 3; bei 00 kein Vorzeichenwechsel (doppelte Nullstelle). f(1)=0,2⋅4⋅1⋅(−2)=−1,6f(1) = 0{,}2 \cdot 4 \cdot 1 \cdot (-2) = -1{,}6. Normalform 0,2x4−1,8x20{,}2x^4 - 1{,}8x^2: Grad 4 gerade, a>0a > 0, also f(x)→+∞f(x) \to +\infty für x→±∞x \to \pm\infty. Zeigen

Aufgabe 5: Lupe an der doppelten Nullstelle

Begründe für die Funktion aus Aufgabe 4, dass sich der Graph nahe x=0x = 0 wie die Parabel y=−1,8x2y = -1{,}8x^2 verhält. Vergleiche f(0,1)f(0{,}1) mit −1,8⋅0,12-1{,}8 \cdot 0{,}1^2.

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Nahe 00 ist (x+3)(x−3)≈3⋅(−3)=−9(x + 3)(x - 3) \approx 3 \cdot (-3) = -9, also f(x)≈0,2⋅(−9)⋅x2=−1,8x2f(x) \approx 0{,}2 \cdot (-9) \cdot x^2 = -1{,}8x^2. Genau: f(0,1)=0,2⋅3,1⋅0,01⋅(−2,9)=−0,01798f(0{,}1) = 0{,}2 \cdot 3{,}1 \cdot 0{,}01 \cdot (-2{,}9) = -0{,}01798, die Näherung liefert −0,018-0{,}018. Lupe zeigen

Aufgabe 6: Wahr oder falsch?

a) „Eine ganzrationale Funktion vom Grad 4 hat vier Nullstellen.“ b) „Wenn a>0a > 0 ist, gilt f(x)→+∞f(x) \to +\infty für x→−∞x \to -\infty.“

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a) Falsch: höchstens vier. f(x)=0,5⋅(x−1)4f(x) = 0{,}5 \cdot (x - 1)^4 hat nur die Nullstelle 11 (vierfach), x4+1x^4 + 1 hat gar keine. Beispiel b) Nur bei geradem Grad. Bei ungeradem Grad und a>0a > 0 gilt f(x)→−∞f(x) \to -\infty für x→−∞x \to -\infty.

Ideen für den Unterricht

  • Einsatz: Etwa Klasse 10, ganzrationale Funktionen (Nullstellen mit Vielfachheit, Randverhalten); in der Oberstufe zur Wiederholung vor der Kurvendiskussion. Ob Vorzeichentabellen mit einer Zeile pro Faktor dort üblich sind, bitte am Lehrplan und im eingeführten Schulbuch prüfen.
  • Term erraten: Mit „Term und Eigenschaften zeigen“ aus erscheint nur der Graph. Paare können sich gegenseitig Graphen einstellen und den Term bestimmen lassen; „Term aufdecken“ löst auf.
  • Von der Lupe zur Fernsicht: Die Lupe zeigt, warum der Graph an einer Nullstelle schneidet oder berührt (er verhält sich dort wie eine Potenz c⋅(x−x0)mc \cdot (x - x_0)^m), der Blick aus der Ferne, warum nur axna x^n das Randverhalten bestimmt. Beides lässt sich gut nacheinander besprechen.
  • Modell: Nullstellen auf halben Einheiten zwischen −4-4 und 44, Vielfachheiten bis 4. Gezeigt werden nur Funktionen, die vollständig in Linearfaktoren zerfallen; Funktionen wie x2+1x^2 + 1 kommen nicht vor.
  • Häufige Stolpersteine:
    • Vorzeichen in der Klammer: Die Nullstelle von (x+2)(x + 2) ist −2-2.
    • „Der Graph schneidet an jeder Nullstelle die Achse.“ – Bei gerader Vielfachheit berührt er sie nur.
    • Beim Randverhalten wird nur auf aa geachtet und der Grad vergessen (oder umgekehrt).
    • Beim Ausmultiplizieren wird aa nur mit dem ersten Faktor multipliziert.