MathematikKlasse 9–13

Bedingte Wahrscheinlichkeit am Beispiel medizinischer Tests

Ein medizinischer Test ist positiv, aber wie wahrscheinlich ist man wirklich krank? 1000 Personen zeigen, warum die Antwort oft überrascht.

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Worum geht es?

Ein Test auf eine Krankheit KK ist nie perfekt. Drei Zahlen beschreiben die Lage:

  • Prävalenz P(K)P(K): Anteil der Kranken unter den Getesteten, z. B. 1 %1\,\%.
  • Sensitivität PK(+)P_K(+): Anteil der Kranken, bei denen der Test positiv ausfällt, z. B. 90 %90\,\%.
  • Spezifität PK‾(−)P_{\overline{K}}(-): Anteil der Gesunden, bei denen der Test negativ ausfällt, z. B. 91 %91\,\%.

Wer ein positives Ergebnis bekommt, will aber etwas anderes wissen: Wie wahrscheinlich bin ich krank, wenn der Test positiv ist? Das ist der positive Vorhersagewert P+(K)P_+(K) – die „umgekehrte“ bedingte Wahrscheinlichkeit. (Andere Schreibweise: P(K∣+)P(K \mid +).)

Am besten denkt man in natürlichen Häufigkeiten. Von 10001000 Personen sind 1010 krank; davon testen 99 positiv (richtig positiv), 11 negativ (falsch negativ). Von den 990990 Gesunden testen 9 %9\,\%, also 89,1≈8989{,}1 \approx 89, trotzdem positiv (falsch positiv), 901901 negativ (richtig negativ). Positiv getestet sind also 9+89=989 + 89 = 98 Personen – und nur 99 davon sind krank:

P+(K)=99+89,1≈9,2 %.P_+(K) = \frac{9}{9 + 89{,}1} \approx 9{,}2\,\%.

Mit den gerundeten Anzahlen ergibt sich fast dasselbe: 998≈9,2 %\frac{9}{98} \approx 9{,}2\,\%. Wer ganze Zahlen ohne Runden möchte, rechnet mit 10 00010\,000 Personen: 100100 Kranke, davon 9090 positiv; 99009900 Gesunde, davon 891891 positiv; also 9090+891≈9,2 %\frac{90}{90 + 891} \approx 9{,}2\,\%.

Allgemein ist das der Satz von Bayes:

P+(K)=P(K)⋅PK(+)P(K)⋅PK(+)+P(K‾)⋅PK‾(+)=0,01⋅0,90,01⋅0,9+0,99⋅0,09=0,0090,0981≈9,2 %.P_+(K) = \frac{P(K) \cdot P_K(+)}{P(K) \cdot P_K(+) + P(\overline{K}) \cdot P_{\overline{K}}(+)} = \frac{0{,}01 \cdot 0{,}9}{0{,}01 \cdot 0{,}9 + 0{,}99 \cdot 0{,}09} = \frac{0{,}009}{0{,}0981} \approx 9{,}2\,\%.

Im umgekehrten Baum steht dieser Wert direkt am Ast „positiv → krank“. Der Grund für den kleinen Wert: Es gibt so viele Gesunde, dass schon ein kleiner Anteil Fehlalarme die wenigen richtig positiven weit übertrifft. Wer die Prävalenz (die „Basisrate“) übersieht, schätzt P+(K)P_+(K) viel zu hoch ein – man nennt das den Basisraten-Fehler. Der negative Vorhersagewert P−(K‾)=900,9900,9+1≈99,9 %P_-(\overline{K}) = \frac{900{,}9}{900{,}9 + 1} \approx 99{,}9\,\% ist dagegen sehr hoch.

Ein Zweittest nach positivem Ersttest beginnt mit der Gruppe der positiv Getesteten. Ihr Anteil an Kranken – die neue Prävalenz – ist der Vorhersagewert des ersten Tests, 9,2 %9{,}2\,\%. Nach zwei positiven Tests (als unabhängig angenommen) ergibt sich 100199≈50,3 %\frac{100}{199} \approx 50{,}3\,\%.

Die Zahlen in den Beispielen sind vereinfacht und dienen nur der Veranschaulichung; echte Tests haben je nach Gerät, Zeitpunkt und Personengruppe andere Werte.

Ausprobieren

  1. Sieh dem Ablauf zu: Erst färben sich die Kranken rot, dann zeigt der Test sein Ergebnis. Kranke tragen außerdem einen Punkt auf dem Körper. Tippe dann auf „Nur die positiv Getesteten“. Wie viele der positiv Getesteten sind wirklich krank? Beispiel laden
  2. Erhöhe die Prävalenz langsam bis 50 %50\,\%. Wie verändert sich der Vorhersagewert? Der Link zeigt den Endzustand mit Sensitivität und Spezifität von je 90 %90\,\%. Häufige Krankheit
  3. Stelle die Spezifität auf 100 %100\,\%. Was passiert mit den falsch positiven? Spezifität 100 %
  4. Verringere die Sensitivität auf 50 %50\,\%. Ändert sich der Vorhersagewert stark – und was passiert mit den falsch negativen? Sensitivität 50 %
  5. Schalte auf den Baum und kehre ihn um. Welche Zahlen bleiben gleich, welche ändern sich? Baum
  6. Mache einen zweiten Test. Wie stark steigt der Vorhersagewert? Zweittest

Aufgaben

Aufgabe 1: Natürliche Häufigkeiten

Prävalenz 1 %1\,\%, Sensitivität 90 %90\,\%, Spezifität 91 %91\,\%. Bestimme für 10001000 Personen die vier Gruppen und den positiven Vorhersagewert. Aufgabe laden

Lösung anzeigen

Krank 1010: richtig positiv 99, falsch negativ 11. Gesund 990990: falsch positiv 990⋅0,09=89,1≈89990 \cdot 0{,}09 = 89{,}1 \approx 89, richtig negativ 900,9≈901900{,}9 \approx 901. P+(K)=99+89,1≈9,2 %P_+(K) = \frac{9}{9 + 89{,}1} \approx 9{,}2\,\%. In der Simulation zeigen

Aufgabe 2: Schnelltest bei geringer Verbreitung (vereinfacht)

Ein Schnelltest hat die Sensitivität 80 %80\,\% und die Spezifität 98 %98\,\%. Die Krankheit ist gerade selten: 0,5 %0{,}5\,\%. Wie wahrscheinlich ist eine positiv getestete Person krank? Aufgabe laden

Lösung anzeigen

Von 10001000: 55 krank, davon 44 positiv. 995995 gesund, davon 995⋅0,02=19,9≈20995 \cdot 0{,}02 = 19{,}9 \approx 20 positiv. P+(K)=0,005⋅0,80,005⋅0,8+0,995⋅0,02=0,0040,0239≈16,7 %P_+(K) = \frac{0{,}005 \cdot 0{,}8}{0{,}005 \cdot 0{,}8 + 0{,}995 \cdot 0{,}02} = \frac{0{,}004}{0{,}0239} \approx 16{,}7\,\% – nur etwa jede sechste positiv getestete Person ist krank. In der Simulation zeigen

Aufgabe 3: Mammographie-Screening (vereinfachtes Beispiel)

Angenommen, 0,8 %0{,}8\,\% der untersuchten Frauen haben Brustkrebs, die Sensitivität beträgt 90 %90\,\%, die Spezifität 93 %93\,\%. Berechne P+(K)P_+(K) mit der Formel von Bayes. Aufgabe laden

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P+(K)=0,008⋅0,90,008⋅0,9+0,992⋅0,07=0,00720,07664≈9,4 %P_+(K) = \frac{0{,}008 \cdot 0{,}9}{0{,}008 \cdot 0{,}9 + 0{,}992 \cdot 0{,}07} = \frac{0{,}0072}{0{,}07664} \approx 9{,}4\,\%. In natürlichen Häufigkeiten: 7,27{,}2 richtig positive gegen 69,469{,}4 falsch positive je 10001000 Frauen (in der Simulation gerundet 77 und 6969). Bei 10 00010\,000 Frauen sind es 7272 richtig positive und 9920⋅0,07=694,4≈6949920 \cdot 0{,}07 = 694{,}4 \approx 694 falsch positive. In der Simulation zeigen

Aufgabe 4: Zweittest

Wer im Beispiel aus Aufgabe 1 positiv getestet wurde, macht einen zweiten, unabhängigen Test derselben Art, der wieder positiv ist. Wie groß ist jetzt die Wahrscheinlichkeit, krank zu sein? Aufgabe laden

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Neue Prävalenz p2=P+(K)=0,0090,0981≈9,17 %p_2 = P_+(K) = \frac{0{,}009}{0{,}0981} \approx 9{,}17\,\%. Dann p2⋅0,9p2⋅0,9+(1−p2)⋅0,09=100199≈50,3 %\frac{p_2 \cdot 0{,}9}{p_2 \cdot 0{,}9 + (1 - p_2) \cdot 0{,}09} = \frac{100}{199} \approx 50{,}3\,\%. Mit Häufigkeiten: Von den 98,198{,}1 positiv Getesteten sind 99 krank; davon testen 8,18{,}1 wieder positiv, von den 89,189{,}1 Gesunden 8,028{,}02. Also 8,18,1+8,02≈50,3 %\frac{8{,}1}{8{,}1 + 8{,}02} \approx 50{,}3\,\%. In der Simulation zeigen

Aufgabe 5: Wie gut muss der Test sein?

Prävalenz 1 %1\,\%, Sensitivität 90 %90\,\%. Wie groß muss die Spezifität mindestens sein, damit mindestens die Hälfte der positiv Getesteten krank ist? Aufgabe laden

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Es muss gelten: falsch positive ≤\le richtig positive, also 0,99⋅(1−s)≤0,0090{,}99 \cdot (1 - s) \le 0{,}009, d. h. 1−s≤0,009091 - s \le 0{,}00909 und s≥99,09 %s \ge 99{,}09\,\%. Mit s=99,1 %s = 99{,}1\,\% ergibt sich P+(K)=0,0090,009+0,00891≈50,3 %P_+(K) = \frac{0{,}009}{0{,}009 + 0{,}00891} \approx 50{,}3\,\%. In der Simulation zeigen

Ideen für den Unterricht

  • Einsatz: Oberstufe, bedingte Wahrscheinlichkeit und stochastische Unabhängigkeit; medizinische Tests sind dabei ein typischer Anwendungsfall. Ob die Formel von Bayes ausdrücklich verlangt ist, bitte am Lehrplan prüfen. Vierfeldertafel und Baumdiagramm vertieft die Simulation Vierfeldertafel und Mengendiagramm, Pfadregeln die Simulation Mehrstufige Zufallsexperimente.
  • Einstieg mit Schätzung: Vor dem Aufdecken schätzen lassen, wie wahrscheinlich ein positiv Getesteter krank ist – die Schätzungen liegen erfahrungsgemäß oft weit über 9 %9\,\%.
  • Natürliche Häufigkeiten: Das Symbolbild und der Baum mit Anzahlen machen die Rechnung oft leichter zugänglich als die Formel allein; die Formel von Bayes lässt sich dann aus dem Baum ablesen.
  • Für Aufgaben: Mit „Ergebnisse anzeigen“ aus erscheinen Anzahlen und Vorhersagewerte als „?“. Prävalenz, Sensitivität und Spezifität bleiben sichtbar.
  • Modell/Vereinfachungen: Prävalenz, Sensitivität und Spezifität als feste Zahlen; beim Zweittest werden die Tests als unabhängig angenommen. Die Anzahlen im Bild sind gerundet (Summe immer 10001000), die Prozentwerte exakt gerechnet. Es lohnt sich, mit der Klasse zu besprechen, dass ein positives Ergebnis in der Praxis ärztlich abgeklärt wird; die Simulation trifft keine Aussage über einzelne echte Tests.
  • Häufige Stolpersteine:
    • Sensitivität PK(+)P_K(+) und Vorhersagewert P+(K)P_+(K) werden verwechselt („der Test ist zu 90 %90\,\% sicher, also bin ich zu 90 %90\,\% krank“).
    • Die Prävalenz (Basisrate) wird übersehen.
    • Im umgekehrten Baum werden die Äste der ersten Stufe aus dem Vorwärtsbaum übernommen.
    • Falsch positiv und falsch negativ werden vertauscht.