MathematikKlasse 12–13

Einseitiger Signifikanztest: Fehler 1. und 2. Art

Ein Test entscheidet zwischen zwei Vermutungen. Farbige Flächen zeigen, wie oft er sich irren kann.

Simulation wird geladen …

Worum geht es?

Ein bewährtes Medikament heilt 60 %60\,\% der Patientinnen und Patienten. Ein neues soll besser sein. Man testet es an n=50n = 50 Personen; XX ist die Anzahl der Geheilten. Ist XX „auffällig groß“, spricht das gegen die Annahme, das neue Medikament sei nicht besser.

  • Nullhypothese H0 ⁣:p≤0,6H_0\colon p \le 0{,}6 (das neue Medikament ist nicht besser), Gegenhypothese H1 ⁣:p>0,6H_1\colon p > 0{,}6.
  • Signifikanzniveau α=5 %\alpha = 5\,\%: So groß darf die Wahrscheinlichkeit höchstens sein, H0H_0 abzulehnen, obwohl H0H_0 stimmt.
  • Gerechnet wird im Grenzfall p=0,6p = 0{,}6, also mit X∼B(50; 0,6)X \sim B(50;\,0{,}6).

Gesucht ist der Ablehnungsbereich A‾={k; … ; 50}\overline{A} = \{k;\,\dots;\,50\} mit dem kleinsten kk, für das P(X≥k)≤αP(X \ge k) \le \alpha gilt:

P(X≥37)≈0,0280≤0,05,P(X≥36)≈0,0540>0,05.P(X \ge 37) \approx 0{,}0280 \le 0{,}05, \qquad P(X \ge 36) \approx 0{,}0540 > 0{,}05.

Also A‾={37; … ; 50}\overline{A} = \{37;\,\dots;\,50\}, Annahmebereich A={0; … ; 36}A = \{0;\,\dots;\,36\}. Entscheidungsregel: Lehne H0H_0 ab, wenn X≥37X \ge 37.

Zwei Fehlentscheidungen sind möglich:

H0H_0 ist wahr H1H_1 ist wahr
H0H_0 wird abgelehnt Fehler 1. Art richtig
H0H_0 wird nicht abgelehnt richtig Fehler 2. Art

Die Wahrscheinlichkeit für den Fehler 1. Art ist hier höchstens P(X≥37)≈2,8 %P(X \ge 37) \approx 2{,}8\,\% – das ist die tatsächliche Irrtumswahrscheinlichkeit, sie ist nie größer als α\alpha. Für den Fehler 2. Art muss man ein wahres p1p_1 aus H1H_1 annehmen. Für p1=0,75p_1 = 0{,}75 gilt

β=P0,75(X≤36)≈0,363,1−β≈0,637.\beta = P_{0{,}75}(X \le 36) \approx 0{,}363, \qquad 1 - \beta \approx 0{,}637.

1−β1 - \beta heißt Macht (Güte) des Tests. Die Gütefunktion zeigt für jedes pp, wie wahrscheinlich der Test H0H_0 ablehnt. Bei einem linksseitigen Test (H1 ⁣:p<p0H_1\colon p < p_0) liegt der Ablehnungsbereich links: größtes kk mit P(X≤k)≤αP(X \le k) \le \alpha.

Wichtig: Wird H0H_0 nicht abgelehnt, ist H0H_0 damit nicht bewiesen – die Daten widersprechen ihr nur nicht deutlich genug.

Ausprobieren

  1. Tippe im oberen Histogramm auf verschiedene Säulen: So stellst du den Beobachtungswert xx ein. Wann wird H0H_0 abgelehnt? Beispiel laden
  2. Stelle α\alpha auf 1 %1\,\% und auf 10 %10\,\%. Wie wandert die Grenze, wie ändern sich die rote und die orange Fläche? α = 1 %
  3. Drücke „p₁ wandern lassen“ und beobachte, wie β\beta schrumpft und der Punkt auf der Gütefunktion nach oben läuft.
  4. Setze p1=p0p_1 = p_0. Was zeigt das untere Histogramm jetzt? Grenzfall
  5. Stelle p1=0,68p_1 = 0{,}68 ein und vergleiche die Macht bei n=50n = 50 und n=200n = 200. n = 50 · n = 200
  6. Ziehe mit „100 Stichproben“ viele Stichproben mit p1=p0p_1 = p_0: Wie oft wird H0H_0 (fälschlich) abgelehnt? p₁ = p₀

Aufgaben

Aufgabe 1: Münze

Eine Münze wird 2020-mal geworfen. Getestet wird H0 ⁣:p≤0,5H_0\colon p \le 0{,}5 gegen H1 ⁣:p>0,5H_1\colon p > 0{,}5 (pp: Wahrscheinlichkeit für Wappen) auf dem Niveau 5 %5\,\%. Bestimme den Ablehnungsbereich. Aufgabe laden

Lösung anzeigen

P(X≥15)≈0,0207≤0,05P(X \ge 15) \approx 0{,}0207 \le 0{,}05, aber P(X≥14)≈0,0577>0,05P(X \ge 14) \approx 0{,}0577 > 0{,}05. Also A‾={15; … ; 20}\overline{A} = \{15;\,\dots;\,20\}; die tatsächliche Irrtumswahrscheinlichkeit beträgt etwa 2,1 %2{,}1\,\%. In der Simulation zeigen

Aufgabe 2: Fehler 2. Art

Beim Test aus Aufgabe 1 ist die Münze in Wirklichkeit gezinkt: p=0,7p = 0{,}7. Mit welcher Wahrscheinlichkeit bemerkt der Test das nicht? Aufgabe laden

Lösung anzeigen

β=P0,7(X≤14)≈0,584\beta = P_{0{,}7}(X \le 14) \approx 0{,}584. In mehr als der Hälfte der Fälle wird die gezinkte Münze nicht erkannt; die Macht beträgt nur 1−β≈0,4161 - \beta \approx 0{,}416. In der Simulation zeigen

Aufgabe 3: Gezinkter Würfel

Ein Würfel wird 6060-mal geworfen; XX ist die Anzahl der Sechsen. Getestet wird H0 ⁣:p≤16H_0\colon p \le \frac{1}{6} auf dem Niveau 5 %5\,\%. Es fallen 1818 Sechsen. Wie lautet die Entscheidung? Aufgabe laden

Lösung anzeigen

P(X≥16)≈0,0338≤0,05P(X \ge 16) \approx 0{,}0338 \le 0{,}05, P(X≥15)≈0,0648>0,05P(X \ge 15) \approx 0{,}0648 > 0{,}05, also A‾={16; … ; 60}\overline{A} = \{16;\,\dots;\,60\}. Wegen 18∈A‾18 \in \overline{A} wird H0H_0 abgelehnt: Der Würfel ist auf dem 5 %5\,\%-Niveau signifikant „sechsenlastig“ – bewiesen ist das nicht. Wäre der Würfel in Ordnung, würde der Test nur mit höchstens etwa 3,4 %3{,}4\,\% Wahrscheinlichkeit so entscheiden. In der Simulation zeigen

Aufgabe 4: Linksseitig – Saatgut

Ein Händler verspricht, dass mindestens 90 %90\,\% der Samen keimen. Ein Gärtner sät 100100 Samen und testet H0 ⁣:p≥0,9H_0\colon p \ge 0{,}9 gegen H1 ⁣:p<0,9H_1\colon p < 0{,}9 (α=5 %\alpha = 5\,\%). Bestimme den Ablehnungsbereich. Es keimen 8383 Samen – Entscheidung? Aufgabe laden

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Größtes kk mit P(X≤k)≤0,05P(X \le k) \le 0{,}05: P(X≤84)≈0,0399P(X \le 84) \approx 0{,}0399, P(X≤85)≈0,0726P(X \le 85) \approx 0{,}0726. Also A‾={0; … ; 84}\overline{A} = \{0;\,\dots;\,84\}. Wegen 83∈A‾83 \in \overline{A} wird H0H_0 abgelehnt. In der Simulation zeigen

Aufgabe 5: Strenger oder sicherer?

Beim Medikamententest (n=50n = 50, p0=0,6p_0 = 0{,}6, p1=0,75p_1 = 0{,}75) wird α\alpha von 5 %5\,\% auf 1 %1\,\% verkleinert. Wie ändern sich Ablehnungsbereich und β\beta? Begründe, warum man nicht beide Fehler gleichzeitig klein machen kann, ohne nn zu vergrößern. Aufgabe laden

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Bei α=1 %\alpha = 1\,\%: P(X≥39)≈0,0057P(X \ge 39) \approx 0{,}0057, P(X≥38)≈0,0133P(X \ge 38) \approx 0{,}0133, also A‾={39; … ; 50}\overline{A} = \{39;\,\dots;\,50\}. Der Annahmebereich wird größer, deshalb steigt β=P0,75(X≤38)≈0,618\beta = P_{0{,}75}(X \le 38) \approx 0{,}618 (vorher 0,3630{,}363). Wer seltener fälschlich ablehnt, lehnt insgesamt seltener ab – auch dann, wenn H1H_1 stimmt. Nur ein größeres nn macht beide Verteilungen schmaler und trennt sie besser. In der Simulation zeigen

Ideen für den Unterricht

  • Einsatz: Oberstufe, einseitiger Signifikanztest – Einführung des Vorgehens und Vertiefung zu Fehlern 1. und 2. Art. Die Gütefunktion kann als Ausblick dienen.
  • Schreibweise: Die Simulation verwendet H0 ⁣:p≤p0H_0\colon p \le p_0 bzw. p≥p0p \ge p_0 und A‾\overline{A} für den Ablehnungsbereich; manche Bücher schreiben H0 ⁣:p=p0H_0\colon p = p_0 oder KK – die Rechnung ist dieselbe.
  • Simulation des Fehlers 1. Art: Mit p1=p0p_1 = p_0 und „100 Stichproben“ lässt sich erleben, dass der Test etwa in 2,8 %2{,}8\,\% der Fälle (tatsächliche Irrtumswahrscheinlichkeit α∗\alpha^\ast) fälschlich ablehnt.
  • Häufige Stolpersteine:
    • „H0H_0 wurde nicht abgelehnt, also ist H0H_0 wahr.“ – Der Test liefert nur keinen ausreichenden Widerspruch.
    • Der kritische Wert wird über P(X=k)≤αP(X = k) \le \alpha statt über die Summe P(X≥k)P(X \ge k) bestimmt.
    • Beim Fehler 2. Art wird mit p0p_0 statt mit dem wahren p1p_1 gerechnet.
    • Beim linksseitigen Test wird P(X≥k)P(X \ge k) statt P(X≤k)P(X \le k) betrachtet.