MathematikKlasse 12–13 · Uni

Matrizen als lineare Abbildungen

Zwei Pfeile bestimmen alles: Wohin sie zeigen, dorthin dreht, streckt oder spiegelt die Matrix das ganze Gitter.

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Worum geht es?

Eine 2×22 \times 2-Matrix A=(abcd)A = \begin{pmatrix} a & b \\ c & d \end{pmatrix} beschreibt eine lineare Abbildung der Ebene: Jeder Vektor x⃗\vec{x} wird auf A⋅x⃗A \cdot \vec{x} abgebildet. Der Ursprung bleibt fest, Geraden bleiben Geraden, parallele Geraden bleiben parallel – das Koordinatengitter wird zu einem Gitter aus Parallelogrammen.

Die Spalten sind die Bilder der Einheitsvektoren: A⋅e⃗1=(ac)A \cdot \vec{e}_1 = \begin{pmatrix} a \\ c \end{pmatrix}, A⋅e⃗2=(bd)A \cdot \vec{e}_2 = \begin{pmatrix} b \\ d \end{pmatrix} und wegen der Linearität A⋅(xy)=x⋅(ac)+y⋅(bd)A \cdot \begin{pmatrix} x \\ y \end{pmatrix} = x \cdot \begin{pmatrix} a \\ c \end{pmatrix} + y \cdot \begin{pmatrix} b \\ d \end{pmatrix}.

Bekannte Abbildungen haben feste Baupläne: Drehung um φ\varphi: (cos⁡φ−sin⁡φsin⁡φcos⁡φ)\begin{pmatrix} \cos\varphi & -\sin\varphi \\ \sin\varphi & \cos\varphi \end{pmatrix}, Spiegelung an der Ursprungsgeraden mit Winkel α\alpha: (cos⁡2αsin⁡2αsin⁡2α−cos⁡2α)\begin{pmatrix} \cos 2\alpha & \sin 2\alpha \\ \sin 2\alpha & -\cos 2\alpha \end{pmatrix}, Scherung (1k01)\begin{pmatrix} 1 & k \\ 0 & 1 \end{pmatrix}, Streckung (kx00ky)\begin{pmatrix} k_x & 0 \\ 0 & k_y \end{pmatrix}, senkrechte Projektion auf die Gerade mit Winkel α\alpha: (cos⁡2αsin⁡αcos⁡αsin⁡αcos⁡αsin⁡2α)\begin{pmatrix} \cos^2\alpha & \sin\alpha\cos\alpha \\ \sin\alpha\cos\alpha & \sin^2\alpha \end{pmatrix}.

Verkettung: Erst BB, dann AA anwenden ergibt A⋅BA \cdot B (die zuerst angewendete Matrix steht rechts). Eintrag pijp_{ij} = Zeile ii von AA mal Spalte jj von BB. Im Allgemeinen ist A⋅B≠B⋅AA \cdot B \neq B \cdot A.

Determinante: det⁡A=ad−bc\det A = ad - bc ist der orientierte Flächeninhalt des Bildes des Einheitsquadrats. Alle Flächen werden mit ∣det⁡A∣|\det A| multipliziert, und det⁡(A⋅B)=det⁡A⋅det⁡B\det(A \cdot B) = \det A \cdot \det B. Bei det⁡A<0\det A < 0 kehrt sich der Umlaufsinn um, bei det⁡A=0\det A = 0 fällt die Ebene auf eine Gerade (oder einen Punkt): Die Abbildung ist nicht umkehrbar.

Inverse: Für det⁡A≠0\det A \neq 0 gilt

A−1=1ad−bc(d−b−ca),A⋅A−1=E.A^{-1} = \frac{1}{ad - bc} \begin{pmatrix} d & -b \\ -c & a \end{pmatrix}, \qquad A \cdot A^{-1} = E.

Eigenvektoren: Ein Vektor v⃗≠0⃗\vec{v} \neq \vec{0} mit A⋅v⃗=λv⃗A \cdot \vec{v} = \lambda \vec{v} wird nur gestreckt, seine Richtung bleibt erhalten. Die Eigenwerte sind die Lösungen des charakteristischen Polynoms

det⁡(A−λE)=λ2−(a+d)λ+(ad−bc)=0.\det(A - \lambda E) = \lambda^2 - (a + d)\lambda + (ad - bc) = 0.

Ist die Diskriminante negativ (z. B. bei Drehungen um φ≠0°,180°\varphi \neq 0°, 180°), sind die Eigenwerte komplex und keine Richtung bleibt erhalten.

Iteration: x⃗n+1=A⋅x⃗n\vec{x}_{n+1} = A \cdot \vec{x}_n beschreibt Prozesse in Schritten (Populationen, Kundenwanderung). Langfristig bestimmt der betragsgrößte Eigenwert das Verhalten; ein Eigenvektor zum Eigenwert 11 ist ein Fixvektor (Av⃗=v⃗A\vec{v} = \vec{v}). Bei einer Übergangsmatrix (Einträge ≥0\geq 0, Spaltensummen 11) heißt der Fixvektor mit Summe 11 stationäre Verteilung.

Ausprobieren

  1. Allgemein: Ziehe die Spitzen von A⋅e⃗1A \cdot \vec{e}_1 und A⋅e⃗2A \cdot \vec{e}_2. Drücke „Abbildung abspielen“ oder verschiebe den Regler tt: Die Einheitsmatrix verformt sich stetig zu AA.
  2. Drehung um 90°, Spiegelung an y = x, Scherung, Kreis → Ellipse: Welche Geraden bleiben fest?
  3. AB ≠ BA: Drücke „Nacheinander abspielen“ und dann „Reihenfolge tauschen“. Die rot gepunktete Figur zeigt die andere Reihenfolge.
  4. Negative Determinante: Woran erkennst du im Bild, dass det⁡A<0\det A < 0 ist? Vergleiche mit Grundseite · Höhe des Parallelogramms. Projektion: Was ist der Kern?
  5. Symmetrische Matrix: Drücke „v einmal herumdrehen“. Wann liegen v⃗\vec{v} und Av⃗A\vec{v} auf einer Geraden? Das Diagramm sin⁡∠(v⃗,Av⃗)\sin\angle(\vec{v}, A\vec{v}) hat dort Nullstellen. Vergleiche mit der Drehung um 60° und der Scherung.
  6. Inverse: „Hin mit A, zurück mit A⁻¹“. Was passiert bei der singulären Matrix?
  7. Alltag: Raumschiff drehen, schräge Schrift, Schatten, Spiegelbild im See, Kaleidoskop, Karten-App, Breitbild.
  8. Iteration: Population stabil, Population wachsend, Kundenwanderung. Ziehe den Startpunkt: Ändert sich das Ziel?

Aufgaben

Aufgabe 1: Matrix aus Bildern

Die Abbildung bildet e⃗1\vec{e}_1 auf (21)\begin{pmatrix} 2 \\ 1 \end{pmatrix} und e⃗2\vec{e}_2 auf (12)\begin{pmatrix} 1 \\ 2 \end{pmatrix} ab. Gib die Matrix an und berechne den Flächenfaktor. Aufgabe laden

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A=(2112)A = \begin{pmatrix} 2 & 1 \\ 1 & 2 \end{pmatrix}, det⁡A=4−1=3\det A = 4 - 1 = 3: Flächen werden verdreifacht. Lösung zeigen

Aufgabe 2: Eigenwerte

Bestimme die Eigenwerte und Eigenvektoren von A=(2112)A = \begin{pmatrix} 2 & 1 \\ 1 & 2 \end{pmatrix}. Aufgabe laden

Lösung anzeigen

det⁡(A−λE)=(2−λ)2−1=λ2−4λ+3=0⇒λ=3\det(A - \lambda E) = (2 - \lambda)^2 - 1 = \lambda^2 - 4\lambda + 3 = 0 \Rightarrow \lambda = 3 oder λ=1\lambda = 1; Eigenvektoren (11)\begin{pmatrix} 1 \\ 1 \end{pmatrix} und (1−1)\begin{pmatrix} 1 \\ -1 \end{pmatrix}. Zeigen

Aufgabe 3: Welche Abbildung?

Welche Abbildung beschreibt (0−110)\begin{pmatrix} 0 & -1 \\ 1 & 0 \end{pmatrix}? Begründe mit den Bildern der Einheitsvektoren und zeige, dass es keine reellen Eigenwerte gibt.

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e⃗1↦e⃗2\vec{e}_1 \mapsto \vec{e}_2 und e⃗2↦−e⃗1\vec{e}_2 \mapsto -\vec{e}_1: eine Drehung um 90°90° gegen den Uhrzeigersinn, det⁡A=1\det A = 1. λ2+1=0\lambda^2 + 1 = 0 hat keine reelle Lösung (λ=±i\lambda = \pm i). Zeigen

Aufgabe 4: Reihenfolge

Berechne für A=(1234)A = \begin{pmatrix} 1 & 2 \\ 3 & 4 \end{pmatrix} und B=(0110)B = \begin{pmatrix} 0 & 1 \\ 1 & 0 \end{pmatrix} die Produkte A⋅BA \cdot B und B⋅AB \cdot A. Was bewirkt BB jeweils? Aufgabe laden

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A⋅B=(2143)A \cdot B = \begin{pmatrix} 2 & 1 \\ 4 & 3 \end{pmatrix} (die Spalten von AA sind vertauscht), B⋅A=(3412)B \cdot A = \begin{pmatrix} 3 & 4 \\ 1 & 2 \end{pmatrix} (die Zeilen sind vertauscht). Also A⋅B≠B⋅AA \cdot B \neq B \cdot A, aber det⁡(AB)=det⁡(BA)=(−2)⋅(−1)=2\det(AB) = \det(BA) = (-2) \cdot (-1) = 2. Zeigen

Aufgabe 5: Rückweg

Berechne die Inverse von A=(2111)A = \begin{pmatrix} 2 & 1 \\ 1 & 1 \end{pmatrix} und prüfe sie am Punkt P(1∣1)P(1 \mid 1). Aufgabe laden

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det⁡A=2−1=1\det A = 2 - 1 = 1, also A−1=(1−1−12)A^{-1} = \begin{pmatrix} 1 & -1 \\ -1 & 2 \end{pmatrix}. Probe: A⋅(11)=(32)A \cdot \begin{pmatrix} 1 \\ 1 \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} 3 \\ 2 \end{pmatrix} und A−1⋅(32)=(3−2−3+4)=(11)A^{-1} \cdot \begin{pmatrix} 3 \\ 2 \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} 3 - 2 \\ -3 + 4 \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} 1 \\ 1 \end{pmatrix}. Zeigen

Aufgabe 6: Kundenwanderung

Von Anbieter P bleiben jedes Jahr 90 % der Kunden, 10 % wechseln zu Q; von Q wechseln 20 % zu P. Anfangs sind alle Kunden bei P. Berechne die Anteile nach einem und nach zwei Jahren und die stationäre Verteilung. Aufgabe laden

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A=(0,90,20,10,8)A = \begin{pmatrix} 0{,}9 & 0{,}2 \\ 0{,}1 & 0{,}8 \end{pmatrix}: x⃗1=(0,90,1)\vec{x}_1 = \begin{pmatrix} 0{,}9 \\ 0{,}1 \end{pmatrix}, x⃗2=(0,81+0,020,09+0,08)=(0,830,17)\vec{x}_2 = \begin{pmatrix} 0{,}81 + 0{,}02 \\ 0{,}09 + 0{,}08 \end{pmatrix} = \begin{pmatrix} 0{,}83 \\ 0{,}17 \end{pmatrix}. Stationär: 0,9p+0,2q=p0{,}9p + 0{,}2q = p, also 0,2q=0,1p0{,}2q = 0{,}1p, p=2qp = 2q; mit p+q=1p + q = 1 folgt p=23p = \frac{2}{3}, q=13q = \frac{1}{3}. Zeigen

Ideen für den Unterricht

  • Einsatz: Lineare Algebra im ersten Studienjahr; in der Oberstufe als Vertiefung im Anschluss an Vektoren, etwa in einem Seminar, im Profilfach oder in der Begabtenförderung. Übergangsmatrizen und Populationsmodelle kommen nur in manchen Lehrplänen direkt vor.
  • Vermutungen sammeln: Erst Abbildungen durch Ziehen „bauen“ (Drehung, Spiegelung, Scherung), dann die Matrizen notieren und mit den Bauplänen vergleichen.
  • Rechnen und Sehen verbinden: Mit „Werte zeigen“ aus rechnen die Lernenden zuerst (Determinante, Produkt, Inverse, Eigenwerte) und prüfen dann im Bild.
  • Häufige Stolpersteine:
    • Zeilen und Spalten werden vertauscht – die Bilder der Einheitsvektoren stehen in den Spalten.
    • Bei A⋅BA \cdot B wird AA zuerst angewendet gedacht; tatsächlich wirkt BB zuerst.
    • Die Determinante wird als Flächeninhalt ohne Vorzeichen verstanden.
    • Eigenvektoren werden für „die Vektoren, die sich nicht ändern“ gehalten – sie dürfen gestreckt oder umgedreht werden (λ<0\lambda < 0).